In meinem 40. Lebensjahr habe ich beruflich mein ganzes Leben umgekrempelt. Ich bin in ein anderes Bundesland gewechselt (wer verbeamtet ist, weiß, dass dies eine schier unüberwindbare Herausforderung für die Schulämter darstellt, auch wenn es nur 30 km sind, die den einen Schulort vom anderen trennen). Ich habe die Schulform gewechselt: Von einem mehr oder weniger klassischen Gymnasium in einer ländlicheren Gegend in einem sehr wohlhabenden Kreis bin ich in eine Integrierte Gesamtschule in eine Stadt gewechselt, die Inklusion wichtig nimmt. Von einer „normalen“ Lehrkraft bin ich nun in die Rolle einer Stufenleitung gewechselt. Zu guter Letzt fahre ich statt meiner bisherigen 12 Minuten mit dem Fahrrad nun aufgrund von Staus morgens und abends zwischen 40 und 60 Minuten nachhause. Die ersten vier Wochen Unterricht waren unheimliches Chaos, ich fühlte mich in die Anfangszeit meines Referendariats versetzt, nichts klappte, wie bisher. Auch jetzt noch muss ich meine ganze Routine auf den Kopf stellen, um den Unterricht einigermaßen fruchtbar zu machen. Aber ich bin derzeit glücklicher als zuvor! Irgendwie ist es auch erfrischend etwas Neues zu lernen und Routinen aufzubrechen. Auch wenn die Schüler:innen unheimlich herausfordernd sind und ich alles Gewohnte neu hinterfragen muss, hält ein Aspekt alles zusammen und macht alles wett: Die unheimlich positive und konstruktive Atmosphäre an dieser Schule. Ehrliche und offene Kommunikation steht an oberster Stelle, Hilfsbereitschaft, immer ein offenes Ohr zu finden, große Geduld – niemand lässt mich spüren, dass ich neu bin und vieles noch nicht weiß. Im Gegenteil: immer wieder wird betont, wie toll es ist, „eine Externe“ im Hause zu haben, die bitte alles hinterfragen , kritisch betrachten und auch Fragwürdiges ansprechen soll, damit man etwas verändern und anpassen kann. Und alles mit dem Gedanken FÜR die Schüler*innen zu arbeiten – jede*r Schüler*in ist wichtig, mit allen Diagnosen und Herausforderungen. Alle sollen den bestmöglichen Schulabschluss erreichen, keine Selektion wie an einem Gymnasium. Blitzgescheite Kinder sitzen dort und lernen, weil sie aufgrund irgendeiner Einschränkung an einem „normalen“ Gymnasium keine Unterstützung und Mitgefühl erfahren und es deswegen nicht schaffen können. Es ist so traurig, dass ich innerhalb von vier Wochen schon einige Anfragen genau dieser Art hatte: Mein Kind schafft es nicht aus diesem und jedem Grund am Gymnasium, kann es auf Ihrer Schule den Abschluss machen? Das Ausmaß des dreigliedrigen Schulsystems sowie der Ressourcenknappheit in Bezug auf Förderung wird hier leider direkt sichtbar. Könnten nicht mehr Gymnasium die Haltung entwickeln, zu fördern statt nur zu fordern und zu selektieren? Es ist eben nicht so vorgesehen, das Gymnasium bereitet auf den universitären Bildungsgang vor, hört man dann. Schließt das eine das andere aus? Viel wichtiger sollte doch die Haltung sein, jedem Kind die Aufmerksamkeit zu geben, die es braucht, die Kompetenzen (nicht nur Wissen) zu vermitteln, die es für das Leben braucht, ihm den bestmöglichen Abschluss zu vermitteln, den es erreichen kann – ohne abfällig über bestimmte Abschlüsse zu denken. In einer positiven Atmosphäre kann dies alles möglich sein – auch wenn das Schulsystem und die Ministerien einschränken. Die Atmosphäre gestalten immer noch wir selbst vor Ort – Lehrkräfte gemeinsam mit den Schüler*innen
Eure Melissa