Im Zuge eines Podcasts, an dem ich mitwirken durfte, hat mich ein Thema unerwartet getroffen – ich fühlte mich ertappt: Wie gehe ich eigentlich mit stillen Schüler:innen im Unterricht um? Gibt es ein „Zu leise für die Schule?“

Kurz nach der Anfrage zum Podcast hat mich der Beitrag von Nikola Poitzmann zu diesem Thema deshalb umso mehr ins Mark getroffen. Wir alle kennen das – bei Kindern genauso wie bei Erwachsenen: Es gibt Menschen, die grundsätzlich eher still sind, und Menschen, die in bestimmten Situationen oder Settings still werden.

Die lauten Menschen sieht und hört man. Man reagiert auf sie. Aber stehe ich auch mit den leisen Menschen in Kontakt?

Diese Frage hat mich einmal mehr zum Reflektieren gebracht. Einige meiner Gedanken möchte ich hier festhalten:

Still heißt nicht desinteressiert
(vgl. Lisa Born, Klasse leiten 23/2023)

Nur weil sich jemand nicht meldet und im Unterrichtsgespräch keinen Beitrag leistet, heißt das nicht, dass diese Person kein Interesse am Thema hat. Wir Lehrkräfte verstecken uns dabei manchmal hinter dem Begriff der „Bringschuld“: Damit wir eine Note geben können, muss das Gegenüber schließlich auch etwas „bringen“.

Ja – aber das kann auch anders aussehen als durch mündliche Beiträge im Plenum.

Wir müssen uns bewusst machen, dass wir keinen Wesenszug wie Introvertiertheit bewerten sollten.

Wie oft halten wir etwas für Förderung, das für einen anderen Menschen eigentlich Überforderung bedeutet?
(vgl. Nikola Poitzmann: Zu leise für die Schule?, Rede bei der „Nacht der Redner“ in Bamberg, Oktober 2026)

Wir haben gelernt, dass Ermutigung und Lob dazu beitragen, dass Schüler:innen sich häufiger mündlich beteiligen. Aber ist das wirklich immer so?

Wenn ich selbst ein schüchterner Mensch bin, kann mir Lob auch unangenehm oder sogar peinlich sein. Und wenn ich mich als „stiller“ Mensch einmal überwunden habe, etwas zu sagen: Wie gut kann es sich dann wirklich anfühlen, wenn die Lehrkraft direkt auffordert, noch mehr oder noch genauer zu erzählen?

Vielleicht brauchen manche Menschen an dieser Stelle nicht noch mehr Ermutigung, sondern einfach die Erfahrung: Ich darf auch still sein.

Biete ich stillen Schüler:innen unterschiedliche Formen der Beteiligung an?
(vgl. Podcast Mission Klassenzimmer von Kati Ahl, Start Mitte Oktober 2026)

Die beiden vorherigen Aspekte führen mich direkt zu dieser Frage.

Sehr gute Erfahrungen habe ich damit gemacht, Schüler:innen selbst Produkte und Präsentationsformen wählen zu lassen und ihnen ein möglichst breites Portfolio an Aufgaben und Möglichkeiten anzubieten. So kann jede:r „seine“ oder „ihre“ Aufgabe und die passende Sozialform finden.

Jetzt könnte man natürlich sagen: Ist es nicht auch unsere Aufgabe als Lehrkraft, Schüler:innen dazu zu bringen, vor anderen Menschen präsentieren zu können?

Ich würde sagen: Jein.

Wir müssen uns bewusst machen, dass nicht jeder Mensch gerne vor anderen spricht oder sich präsentiert – und dass sich das vermutlich auch nicht ändern wird. Man kann aber lernen, mit solchen Situationen umzugehen. Genau das können wir unseren Schüler:innen mitgeben: indem wir eine vertrauensvolle Atmosphäre schaffen und ihnen Zeit geben.

Durch eine längere Phase mit unterschiedlichen Möglichkeiten können Schüler:innen mutiger werden. Sie erleben, dass sie als (stille) Menschen gesehen werden – und können dann irgendwann, wenn sie selbst den Zeitpunkt für passend halten, den Schritt gehen und sich präsentieren.

Nikola Poitzmann bringt es für mich sehr treffend auf den Punkt:

„Sie werden stärker, wenn wir einen Raum schaffen, in dem sie nicht laut sein müssen, um gehört zu werden.“

Wie stehe ich mit den leisen Schüler:innen in Kontakt?

Für mich ist das die wichtigste Frage überhaupt.

Immer wieder zu reflektieren: Mit wem spreche ich eigentlich in meiner Klasse? Weiß ich über jede:n Schüler:in etwas?

Ich führe regelmäßig 1:1-Gespräche mit den stillen Schüler:innen und stelle dabei immer wieder fest, wie interessiert, witzig und unterhaltsam diese Menschen sind. Wenn ich unsicher bin, frage ich auch das Klassenteam und/oder die Eltern: Was können sie mir über dieses Kind erzählen?

Denn je nach Setting sind Menschen unterschiedlich.

Nicht nur im Unterricht, sondern auch im Rahmen meiner Seminare erlebe ich ganz unterschiedliche Charaktere. Auch hier möchte ich künftig noch genauer darauf achten, ob ich mit den stillen Menschen in Kontakt bin und ob ich ihre Fragen und Anliegen wahrnehme und beantworten kann.

Denn wie so oft gilt auch hier: Beziehungsarbeit und echtes Interesse an allen Menschen sind der Schlüssel.

Stille Grüße
Eure Melissa