Melissa: Hallo André, du hast mich über das Gesamtnetzwerk „Systemisch handeln im Kontext Schule“ gefunden und angeschrieben, ob ich Lust hätte, ein regionales Netzwerk zu gründen. Wie kam dir diese Idee und warum ist dir das wichtig? Und wie bist du zum systemischen Arbeiten gekommen?
André: Hallo Melissa, ich war und bin in einer Schulentwicklungsgruppe aktiv, die sich mit dem Thema „Mentoring und Beratung“ beschäftigt. Wir haben für unsere Schule unter anderem einen Leitfaden für Lehrkräfte für Mentoringgespräche erarbeitet und dabei bin sind wir auch auf Ansätze aus der systemischen Praxis gestoßen, also z.B. die Annahme, dass Schüler:innen selbst Expert:innen für ihr Lernen sind und wir als Lehrkräfte möglichst eine fragende Haltung einnehmen. Außerdem haben wir bestimmte Methoden ausprobiert. Später habe ich zusammen mit anderen aus dem Mentoring-Kontext Fortbildungen des EFWI besucht, um mich noch mehr in das Thema und die Möglichkeiten systemischen Arbeitens zu vertiefen. Und was soll ich sagen: ich war begeistert und habe gemerkt, dass ich vieles davon in meinem Alltag als Lehrkraft sinnvoll einsetzen kann und der Unterricht – für alle Beteiligten – angenehmer und entspannter wurde. Dass mit den Netzwerktreffen jetzt eine Möglichkeit besteht, sich in regelmäßigen Abständen persönlich mit interessierten Personen auszutauschen, finde ich besonders gut, weil das „Systemische“ von der regelmäßigen Anwendung und dem Austausch mit Menschen lebt. Und wie war es bei Dir? Wie war Dein Weg ins systemische Denken, Handeln, Arbeiten?
Melissa: Das klingt echt toll, dass ihr in eurer Schule solche Schulentwicklungsgruppen habt und systemische Aspekte beachtet und einarbeitet. Das hat man noch nicht sooft an Gymnasien. Und hier setzt mein „Weg“ ein. Ich habe intuitiv bereits systemische Ansätze und Ideen in meinem Unterricht direkt nach dem Referendariat eingesetzt und gelebt, hatte aber keinen Namen dafür und war mir dessen nicht bewusst. Ich hatte nur einige Herausforderungen nicht zu meistern, die viele andere Lehrkräfte hatten. Oft habe ich mich deshalb als „Außenseiterin“ gefühlt, da ich nicht erklären konnte, woher mein Handeln rührt. Nach ein paar weniger guten Erfahrungen im Schulsystem habe ich mich, mein schulisches Handeln und Denken noch einmal infrage gestellt und bin dabei auf die Ausbildung zur systemischen Pädagogin am ISTN Koblenz gestoßen. Das war wie eine Erlösung für mich – endlich hatte mein Handeln, Denken und Arbeiten einen Namen, es gab Gleichgesinnte und von da an lebe ich systemische Pädagogik selbstbewusst. Und die Rückmeldungen von Schüler:innen und Elternschaft ist überwältigend positiv. Auch mir geht´s besser im Schulsystem. Was sind denn – neben unserer Regionalgruppe – deine nächsten Vorhaben im systemischen Bereich?
André: Mir ging es ein Stück weit ähnlich wie Dir. Viele Dinge, die ich auf systemischen Fortbildungen später kennengelernt habe, hatte ich vorher auf die eine oder andere Weise schon intuitiv eingesetzt oder fand sie wichtig. Durch die Fortbildungen hat dann vieles einen konkreten Namen bekommen und ich konnte es bewusster Anwenden, z.B. das für mich wichtige Prinzip der Ressourcenorientierung: Wenn eine Person mit einer Herausforderung konfrontiert ist, ist es ja absolut sinnvoll, erstmal zu überlegen, welche „Bordmittel“ diese Person schon mitbringt, um die Herausforderung erfolgreich angehen zu können. Durch die systemische Ausbildung habe ich nun schon einige Ideen und Tools, um die Suche nach Ressourcen gut gestalten und begleiten zu können.
Bezüglich deiner Frage nach meinen nächsten Plänen: Ich möchte das, was ich bereits im Bereich des systemischen Arbeitens gelernt habe, weiter üben, ausbauen und vertiefen. Das geht am besten durch Anwendung und Aktiv-Halten systemischer Routinen, z.B. im (Schul-) Alltag, aber auch im gemeinsamen Austausch. Daher freue ich mich besonders, wenn unser Stammtisch startet und wir uns in regelmäßigen Abständen zu Themen rund um systemisches Arbeiten austauschen können. Außerdem setzte ich meine Fortbildungen fort, im Moment bei Jessica Fenzel von Flowpunkt, bei der ich über ein halbes Jahr verteilt eine online-Weiterbildung mache. Nicht vergessen werden darf das systemische Online-Café. Auch hier treffen sich Menschen aus dem Gesamtnetzwerk, um sich mit wechselnden Schwerpunkten auszutauschen. Zusammen mit einer guten Kollegin habe ich dort einen Impuls zum systemischen Potenzial von Kompetenzbögen gehalten. Das Feedback aus dieser Runde nehmen ich mit, um an dem Thema weiter zu arbeiten.
Melissa: Das klingt wunderbar! Bei mir hat sich beruflich einiges geändert und auch bei mir wird das Systemische weiterhin eine wichtige Rolle spielen wird. Und vor allem bin ich gespannt, wie sich das Netzwerk ausbauen wird. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit dir und den anderen aus dem Netzwerk!